Die Zukunft des Hörfunks

28. September 2026
Helmut G. Bauer, Rechtsanwalt, Foto Copyright: Jörg Wagner
Helmut G. Bauer, Rechtsanwalt, Foto Copyright: Jörg Wagner
Eine Bestandsaufnahme des Digitalradios

Von Helmut G. Bauer, Rechtsanwalt, Köln

2016 stritten Kritiker und Befürworter in der FAZ über die Zukunft des Hörfunks. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Radio künftig terrestrisch über UKW oder DAB+ und über das Internet verbreitet werden würde. Die Bestandsaufnahme zehn Jahre später zeigt sich: Hinter dem Streit über die richtige Technik verbarg sich eine grundlegendere Auseinandersetzung um Wettbewerb und Marktanteile.

Der Streit

Ausgangspunkt der Diskussion waren damals die geringe Netzabdeckung, die noch begrenzte Zahl von DAB+-Radiogeräten und die Kosten für den Aufbau eines digitalen Sendernetzes. Kritiker von DAB+ sahen die Zukunft der Hörfunkverbreitung vor allem über UKW und Internet beziehungsweise Mobilfunk. Sie begründeten dies mit dem vorhandenen UKW-Sendernetz und der bestehenden Ausstattung der Haushalte und PKW mit UKW-Radios. Befürworter verwiesen dagegen auf die Vorteile des terrestrischen Digitalradios – die größerer Programmvielfalt, die geringeren Verbreitungskosten, die bessere mobile Versorgung, die freiee Nutzung ohne Mobilfunkvertrag. In vielen Punkten wiederholte sich die Argumente, die bei der Einführung von UKW in den 1950er- Jahren vorgebracht wurden. Einig waren sich beide Seiten in zwei Punkten: Radio würde digital werden und es müsse auch weiterhin einen terrestrischen Verbreitungsweg geben.

Der DAB+ Netzausbau

Zehn Jahre später hat sich die Situation deutlich verändert: Zwar sehen Kritiker die Zukunft des Radios weiterhin vor allem bei UKW und im Internet, unterstützen inzwischen aber zugleich auf allen Ebenen den Ausbau von DAB+. In Deutschland verfügen jetzt alle Bundesländer über flächendeckende DAB+-Sendernetze für die Verbreitung lokaler, regionaler und bundesweiter Programme. Damit können — ähnlich wie bei UKW — mehr als 95 Prozent der Haushalte Radio digital-terrestrisch zuhause empfangen; unterwegs liegt die mobile Versorgung bei rund 98 Prozent. Nordrhein-Westfalen gehört zu den letzten Bundesländern, in denen seit 2025 auch private Lokalfunkprogramme über DAB+ verbreitet werden.

Die DAB+ Radiogeräte

Mit dem Ausbau der Sendernetze ist auch die Zahl der DAB+-Empfänger gestiegen. Inzwischen haben 40 Prozent aller Haushalte mindestens ein DAB+-Radiogerät; 2015 waren es erst zehn Prozent. Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die seit Ende 2020 EU-weit geltende Verpflichtung, alle Neuwagen mit einem Digitalradio auszustatten, sofern sie über ein Radio verfügen. In Deutschland wurde diese Vorgabe auf alle Radiogeräte mit Display ausgeweitet. Die neuen Geräte können weiterhin auch UKW empfangen. Ob künftig alle Autos noch mit klassischem Radio ausgestattet sein werden, ist offen: Tesla und chinesische Hersteller setzen zunehmend auf internetbasierte Car-Entertainment-Systeme. Damit Radio weiterhin frei und ohne Mobilfunkvertrag empfangbar bleibt, setzen sich europäische Radioveranstalter sowie bereits Italien und Belgien bei der EU für eine entsprechende Vorgabe in Fahrzeugen ein.

Viele neue Programme

Inzwischen verbreiten fast alle Radioveranstalter ihre Programme nicht nur analog, sondern auch über DAB+ und das Internet. Hinzu kommen neue Programme, die eigens für DAB+ entwickelt wurden. Mehr als 300 Programme werden digital-terrestrisch ausgestrahlt; zusätzliche Audiostreams der Radioveranstalter im Internet erweitern das Angebot. Dazu zählt Absolut Radio AI, das erste Programm mit vollständig KI-generierten Moderatoren.

Radionutzung

Wie zu erwarten, geht das analoge Radiohören über UKW zurück, wenn auch auf DAB+ gesendet wird. Dies belegen zahlreiche Untersuchungen im In- und Ausland. Nach der Funkanalyse Bayern 2026 hören 48,1 Prozent der bayerischen Bevölkerung werktags Radio über einen digitalen Verbreitungsweg; davon entfallen 35,2 Prozent auf DAB+, der Rest auf Internet und Kabel. Auf UKW kommen 45,2 Prozent. Alle Prognosen gehen von einem weiteren Rückgang der UKW-Nutzung aus. Davon profitieren DAB+ und das Internet. Die Hörerinnen und Hörer entscheiden heute situativ, auf welchem Weg und mit welchem Gerät sie klassisches Radio hören. Damit zeichnet sich ab, dass in Zukunft DAB+ und Internet nebeneinander bestehen werden.

UKW-Abschaltdatum

Eine gesetzlich verordnete UKW-Abschaltung, wie sie im Telekommunikationsgesetz und einigen Mediengesetzen festgeschrieben war, spielt heute keine Rolle mehr. Ob und wann Radioveranstalter auf UKW verzichten, bleibt ihnen überlassen. Wegen der hohen Simulcastkosten haben viele Anbieter bereits einzelne UKW-Frequenzen abgeschaltet – ohne größere Proteste der Hörerinnen und Hörer. Vorreiter ist das Deutschlandradio. Private Programme wie Sunshine Live, Klassik Radio oder Radio BOB zeigen, dass Radioprogramme erfolgreich rein digital verbreitet werden können. Trotz dieser Erfahrungen setzten die bayerischen Privatradios 2024 unter Federführung von Antenne Bayern eine Änderung des Mediengesetzes durch, damit UKW-Frequenzen bis 2035 verlängert werden können. Dahinter stand vor allem das Interesse des Marktführers, kleinere Anbieter durch dauerhaft hohe Simulcastkosten zu überfordern und Marktanteile zu gewinne, wenn sie auf einen Verbreitungsweg verzichten müssen.

Keine Neuvergabe von UKW-Frequenzen

Inzwischen haben die meisten Bundesländer in ihren Landesmediengesetzen festgeschrieben, dass frei werdende UKW-Frequenzen grundsätzlich nicht mehr neu vergeben werden dürfen. Ein koordiniertes Vorgehen aller Länder gibt es jedoch nicht, obwohl die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) dies mit Blick auf die hohen Verbreitungskosten des Simulcastbetriebs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wiederholt gefordert hat. Ansätze wie das Digitalradio-Board von Bund und Ländern sind im Sande verlaufen. Schleswig-Holstein will die weitere Radioentwicklung nicht allein dem Markt überlassen: Die Landesregierung hat sich mit privaten und öffentlich-rechtlichen Radiosendern in Schleswig-Holstein sowie der Landesmedienanstalt darauf geeinigt, die Programmverbreitung über UKW bis 2031 schrittweise auf DAB+ umzustellen und UKW abzuschalten. Die ersten UKW-Sender wurden bereits stillgelegt. Begleitet wird der Umstieg von einer umfangreichen Werbekampagne. Der baden-württembergische Veranstalter Audiotainment Südwest, der in vielen Ländern seine Programme auch über DAB+ ausstahlt, will diesen Umstieg verhindern oder zumindest verzögern. Er klagt gegen die Medienanstalt, weil er freigewordene UKW-Frequenzen nicht nutzen darf. Zur Begründung verweist er auf eine Einschränkung seiner Rundfunkfreiheit und auf einen Verlust an Programmvielfalt. Diese Argumentation überzeugt nicht: Audiotainment könnte die noch freie DAB+-Übertragungskapazitäten nutzen; im Internet sind die Programme in Schleswig-Holstein ohnehin erreichbar. Bei dem Konflikt geht es daher offensichtlich weniger um die Programmvielfalt als um den Versuch, eine Entwicklung zu verhindern, die zum Vorbild für andere Bundesländer werden könnte.

Der Reformstaatsvertrag

Einen Rückschlag erlebte DAB+ durch den am 1. Dezember 2025 in Kraft getretenen Reformstaatsvertrag, nach dem 16 terrestrisch verbreitete Radioprogramme entfallen sollen, um Kosten zu sparen. Allein der Bayerische Rundfunk hat begonnen die DAB+-Ausstrahlung der Programme BR24live, BR Verkehr, BR Schlager und Puls auf DAB+ einzustellen. Auch andere ARD-Anstalten schalten einzelne Programme auf DAB+ ab oder legen Programme zusammen. Unabhängig davon sehen interne Planungen der ARD einen Ausstieg aus UKW bis 2035 vor.

DAB+ im Ausland

Auch wenn die Initiative zur Entwicklung des Standards DAB von Deutschland ausging, ist DAB+ in vielen Ländern auf der ganzen Welt auf dem Vormarsch. Am weitesten fortgeschritten ist Norwegen: Dort wurde UKW bereits 2017 abgeschaltet. In der Schweiz sollte Ende 2026 Schluss mit UKW sein. Das hatten die privaten Veranstalter und die SRG vereinbart. Nachdem die SRG ihre UKW-Sender Ende 2024 abgeschaltet hatte, rückten die privaten Veranstalter jedoch von ihrer Zusage ab. UKW soll nun bis 2034 weiter in Betrieb bleiben: Die SRG reaktiviert deshalb viele ihrer UKW-Sender.

DAB+- als Warnmedium

Die Bedeutung des Hörfunks als Warnmedium wurde sowohl von Kritikern als auch von Befürwortern von DAB+ immer wieder hervorgehoben. Beide Seiten waren sich einig, dass Mobilfunk bei Katastrophen nicht ausreicht, um die Bevölkerung zuverlässig zu warnen. Damit Warnungen sicher ankommen, ist ein Warnmix aus voneinander unabhängigen Systemen erforderlich. Für DAB+ wurde deshalb das Warnsystem „ASA – Automatic Safety Alert“ entwickelt. Es schaltet bei einer Gefahrenmeldung DAB+-Radiogeräte, die mit ASA ausgestattet sind, im betroffenen Gebiet automatisch ein, um die Bevölkerung zu warnen. Mit dem Warntag am 10. September 2026 ging der Dienst in den Regelbetrieb.

Neue Herausforderungen

Zehn Jahre nach der Debatte über DAB+ ist klar: UKW verliert an Bedeutung. DAB+ und Internet haben sich als Verbreitungswege etabliert. Die frühere Auseinandersetzung über das terrestrische Übertragungsverfahren ist damit weitgehend entschieden. Die Programmvielfalt und damit der Wettbewerb haben zugenommen, neue Programme sind entstanden und bestehende Angebote werden in weiteren Gebieten ausgestrahlt. Die eigentliche Herausforderung für die Radioveranstalter liegt heute im Wettbewerb mit den globalen Plattformen der Big-Tech-Unternehmen, die um die Aufmerksamkeit der Hörerinnen und Hörer und um die Werbebudgets konkurrieren.

 

Zur Übersicht