Interview mit Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin und der Programmkino Ost GmbH in Dresden
Vom 14. bis 18. September 2026 findet die 26. Filmkunstmesse Leipzig statt, das größte Arthouseevent im deutschsprachigen Raum. An die 90 Filme werden gezeigt, dazu gibt es ein vielfältiges Panel- und Seminarprogramm, dass die Entwicklungen und Herausforderungen der Branche abbildet und Lösungen anbietet. Dazu werden über 1.200 Gäste erwartet. Obwohl das 1. Halbjahr positiv für die Kinos war, die Arthousekinos verzeichneten ein Besucherwachstum von 13,4 Prozent, bleibt die wirtschaftliche Situation schwierig. „So erfreulich die Besucherentwicklung ist, die Situation bleibt herausfordernd. Denn die stark gestiegenen Kosten lassen sich durch die moderaten Preisanpassungen kaum kompensieren – schon gar nicht in einem Maß, das den Aufbau von Rücklagen erlauben würde“, sagt Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino.
medienpolitik.net: Herr Bräuer, das 1. Halbjahr lief für die Kinos sehr gut. Hat das den Arthousekinos auch ein wenig Luft verschafft?
Bräuer: Im Vorjahresvergleich erreichen die Arthousekinos die Spitzenwerte des Mainstreammarkts nicht, verzeichnen allerdings im Durchschnitt auch ein Besucherwachstum von 13,4 Prozent. Der positive Trend der letzten beiden Jahre hält also an. Erstmals liegen die Besucherzahlen im Arthousemarkt über dem Niveau von 2019. Vor allem ist diese Erholung nicht von selbst eingetreten, sie ist von den Arthousekinos hart erarbeitet worden: Sie zeigen mehr Filme, stemmen mehr Filmreihen und Events und engagieren sich stark in der Publikumsentwicklung.
medienpolitik.net: Wie sehen Sie generell die wirtschaftliche Situation der kleineren Kinos nach fünf schwierigen Jahren?
Bräuer: Die Kostenseite ist in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert: allgemein die Inflation, dazu treffen die gestiegenen Energiekosten die Kinos schwer und auch die Mindestlohnerhöhung wirkt sich auf die Kinos massiv aus. So erfreulich also die Besucherentwicklung ist, die Situation bleibt herausfordernd. Denn die stark gestiegenen Kosten lassen sich durch die moderaten Preisanpassungen kaum kompensieren – schon gar nicht in einem Maß, das den Aufbau von Rücklagen erlauben würde. Genau deshalb trifft uns der Wegfall des Zukunftsprogramms Kino umso härter. Im Mainstream lässt sich beobachten, dass der Trend zu Premiumformaten mit hohen Preisaufschlägen Abhilfe schafft, doch das Modell ist mit dem von Arthousekinos, das auf breite Teilhabe setzt, schwer vergleichbar. Mit ihrem hohen gesellschaftlichen und kulturellen Engagement sind sie nicht allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtet und waren es nie. Der Sterbeprozess von Kinos ist langsam. Er beginnt, wenn sie nicht mehr investieren können. Und genau da stehen viele gerade.
medienpolitik.net: Ein immer größerer Teil der Bevölkerung nutzt das Bewegtbild online und verfügt vermehrt über mindestens zwei Streaming-Abos. Merken Sie diese Entwicklung auch an den Besuchszahlen in ihren Kinos?
Bräuer: Wir spüren das Gegenteil. Streaming ist längst Alltag – und genau deshalb wächst das Bedürfnis nach dem, was es nicht bietet: das gemeinsame kulturelle Erleben. Die Erholung des Kinomarkts ist kein Widerspruch zur Streaming-Nutzung, zu sozialen Medien und auch zur zunehmenden Durchdringung von Künstlicher Intelligenz in allen Bereichen, sie ist die Antwort darauf. Am deutlichsten zeigt sich das beim jüngeren Publikum, das am schnellsten den Weg in unsere Kinos gefunden hat. Eine Generation, die mit Algorithmen aufgewachsen ist, sucht bewusst den Gegenentwurf zu einer immer stärker digitalisierten Welt: ein Erlebnis, das sich nicht pausieren lässt; Orte, an denen kuratiert wird. Was wir tatsächlich merken: Der beiläufige Kinogang nimmt ab, die bewusste Entscheidung für einen bestimmten Film nimmt zu. Auch Events – ob Filme, die zu Events werden, oder Veranstaltungen, die sich an bestimmte Gruppen richten und das Gemeinschaftserlebnis in den Vordergrund rücken – gewinnen an Bedeutung. In dieser Entwicklung liegt eine große Chance, denn ein bewusstes Publikum kann auch zu einem treuen Publikum werden. Das erhöht den Aufwand immens, gerade bei den Arthousefilmen. Für praktisch jeden Titel müssen die Kinos eigene Aufmerksamkeit erzeugen und stehen dabei im Wettbewerb mit Streamingplattformen und anderen Medienformaten im Internet. Das verlangt viel ab.
„Der Sterbeprozess von Kinos ist langsam. Er beginnt, wenn sie nicht mehr investieren können. Und genau da stehen viele gerade.“
medienpolitik.net: Wie es aussieht, wird es das Zukunftsprogramm Kino auch 2027 nicht geben. Welche Konsequenzen hätte das?
Bräuer: Die erste Konsequenz ist ein Hebeleffekt, den man leicht übersieht. Das Zukunftsprogramm Kino war immer kofinanziert: der Bund gab den Anstoß, die Länder legten dazu. Der Bundesrat hat gerade erst bekräftigt, dass er diese gemeinsame Verantwortung fortführen will. Fällt der Bundesanteil weg, verpufft auch das Geld der Länder. Man streicht also nicht einen Posten, man legt einen ganzen Fördermechanismus still. Die zweite Konsequenz ist der Investitionsstau. Wer nicht modernisieren kann, verliert Anschluss – bei Technik, bei Barrierefreiheit, beim Kinoerlebnis selbst. Hier geht es um die Wettbewerbsfähigkeit der unabhängigen Kinos. Wohin das führt, haben wir in den 2000er-Jahren bei der Digitalisierung der Kinotechnik erlebt: ein schleichendes Kinosterben, das erst durch die gezielte Förderung der Kinodigitalisierung beendet wurde.
Emmanuel Macron hat jüngst beim Lumière-Gipfel betont, wie unverzichtbar die Kinos, die die Vielfalt der Filme zeigen, für das gesamte Filmökosystem sind. Von daher ist Liebling Kino, die anreizorientiere Kinoprogrammprämie des Bundes, ein echter Fortschritt, der engagierte Programmarbeit mit einer Prämie belohnt und auch incentiviert. Die Einzelprämien sind eine Verbesserung der Basisförderung, doch zu klein, um damit ein Dach oder eine Klimaanlage zu finanzieren. Programm und Investition sind zwei Seiten einer Medaille, sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das stellt auch eine Studie des CNC heraus, die jüngst in Cannes veröffentlicht wurde.
medienpolitik.net: Die Kinos haben verschiedentlich experimentiert, um mehr Besucher anzuziehen. Wenn ich heute in ein Arthousekino gehe, habe ich das Gefühl, es hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre nichts geändert. Außer vielleicht, dass die Kinokarten teurer geworden sind. Ist das nicht, angesichts auch der Mediennutzung eine gefährliche Entwicklung?
Bräuer: Diesem Eindruck muss ich widersprechen. Was sich am stärksten verändert hat, sieht man nicht auf den ersten Blick: Unsere Mitglieder zeigen mehr Filme denn je, machen mehr Filmreihen, Events und zielgruppenorientierte Veranstaltung denn je, sie arbeiten stärker denn je an Publikumsbindung und lokaler Vernetzung. Community-Screenings, Klassiker, Formate wie das Strickkino – all das gab es vor zehn Jahren so nicht. Nebenbei haben viele kleine Kinos die Kommunikation mit dem Publikum digitalisiert und dank Zukunftsprogramm Kino vieles modernisiert. Das ist harte, deutlich professionalisierte Arbeit. Und sie ist der eigentliche Grund, warum das Publikum zurückkommt. Die Eintrittspreise sind laut FFA für Programmkinos von 2019 bis 2024 um 13,2 Prozent gestiegen – die Verbraucherpreise im selben Zeitraum um knapp 20 Prozent. Wir haben also real günstigere Tickets als vor der Pandemie, bei deutlich höheren Kosten.Wo es jetzt stagniert: beim Physischen, also der Technik, Bestuhlung, Komfort, ist noch viel Bedarf. Das ist aber kein Zeichen von Stillstand, sondern von fehlenden Mitteln. Genau dafür gab es das Zukunftsprogramm Kino, genau deshalb wiegt sein Wegfall so schwer. Die Beobachtung ist also ein Fingerzeig auf die Förderlücke.
medienpolitik.net: Sie haben zusammen mit den Produzenten und anderen Verbänden dagegen protestiert, dass die Bundesförderung im nächsten Jahr deutlich reduziert wird. Warum diese Unterstützung?
Bräuer: Weil wir nicht in Silos denken. Ein Film braucht jemanden, der ihn herstellt, und einen Ort, an dem er auf sein Publikum trifft. Erst im Kino wird der Film zur Kultur. Wenn der Bund die zugesagten 250 Millionen Euro für 2027 auf rund 200 Millionen kürzt, ist das ein fatales Signal an eine der wichtigsten Kreativbranchen des Landes. Und es beschädigt das Vertrauen in die Verlässlichkeit des Standorts. Diese Zusage hatte Projekte angestoßen und Investitionen ausgelöst; die Töpfe waren vier Monate vor Jahresende ausgeschöpft. Wer so etwas zurücknimmt, verspielt genau den Aufschwung, den er selbst ausgelöst hat.
Für uns kommt ein zweiter Grund hinzu, der unmittelbar mit dem Kino zu tun hat. Man hatte uns erklärt, das Zukunftsprogramm Kino lasse sich aus nicht benötigten Produktionsmitteln querfinanzieren. Jetzt sehen wir: Es bleibt nichts übrig. Diese Konstruktion funktioniert nicht; und sie zeigt, dass Kinos einen eigenen Haushaltsansatz brauchen, der nicht zu Verschiebemasse anderer Förderlinien wird. Damit kein Missverständnis entsteht: Solidarität gegen Kürzungen heißt nicht Zustimmung zur Verteilung. In unserem Fördersystem gibt es eine große Schieflage zu Lasten des Kinos. Was wir gemeinsam ablehnen, ist die Logik, Branchen gegeneinander auszuspielen. Deshalb fordern wir auch, dass die getrennten Ansätze für die einzelnen Förderlinien erhalten bleiben und nicht beliebig verschoben werden können.
Wie das aussehen kann, zeigen ausgerechnet die USA. Dort wirbt gerade eine Koalition, wie es sie selten gibt, für einen bundesweiten Production Incentive: die großen Studios ebenso wie unabhängige Produzentinnen und Produzenten, die Gewerkschaften von SAG-AFTRA über IATSE bis zu den Teamsters – parteiübergreifend, vom Weißen Haus bis zu demokratischen Senatoren. Und parallel kämpfen die amerikanischen Kinobetreiber mit dem SCREEN Act für einen Steueranreiz zur Modernisierung der Kinos: 30 Prozent auf Bestuhlung, Projektion, Klimatisierung, Barrierefreiheit. Dass dieser Schulterschluss partei- und sektorübergreifend in einem politisch so tief gespaltenen Land gelingt, ist doch ein klares Signal.
„In unserem Fördersystem gibt es eine große Schieflage zu Lasten des Kinos. Was wir gemeinsam ablehnen, ist die Logik, Branchen gegeneinander auszuspielen.“
medienpolitik.net: Hätte die deutliche Steigerung der Förderung, von der unter anderem Netflix stark profitierte, wirklich Filme gebracht, mit denen Sie in den Arthousekinos mehr Besucher erreichen?
Bräuer: Das ist ein berechtigter Hinweis – mit der Verschiebung von Kinofördermitteln auf Fernsehformate ist den Kinos nicht geholfen. Im Kontrast zu den globalen Streamern, die hauptsächlich für ihre Kataloge produzieren, geht es für die Kinos nicht um die Menge der Filme, sondern ihre Qualität, um Relevanz und Vielfalt. Es mangelt heute schon nicht an Produktionen, und AI beschleunigt diese Flut bereits.Was fehlt, sind Filme, die etwas wagen und gleichzeitig wissen, für wen sie erzählen. Die erfolgreichsten Arthouse-Titel der letzten Jahre waren künstlerisch eigenwillig und hatten ihr Publikum klar vor Augen.
Unbestritten braucht Deutschland wettbewerbsfähige Produktionsstandorte. Mehr Qualitätskinofilme in Mainstream, Crossover und Arthouse wären ein Gewinn. Zugleich: Geld in die Produktion zu geben und zugleich die Bühnen verfallen zu lassen, auf denen diese Filme ihr Publikum finden, ergibt jedenfalls keinen Sinn. Macron brachte dies auf den Punkt: Die Unabhängigkeit und die Vielfalt der Werke hängen auch von der Fähigkeit ab, über ein Netzwerk unabhängiger Kinos und eine pluralistische Vertriebsstruktur zu verfügen. Die Vielfalt der Werke ist nur dann von Wert, wenn sie ein Publikum erreichen kann.
medienpolitik.net: Hat sich durch die stärkere Förderung 2025 und 2026 schon Grundlegendes an der deutschen Filmwirtschaft geändert?
Bräuer: Für ein Urteil ist es zu früh, und ehrlich gesagt diskutieren wir die falsche Frage. Wir beschäftigen uns seit Monaten damit, wie wieder mehr in Deutschland produziert werden kann, und verhandeln dabei die Gegenwart, als wäre sie Zukunft. Künstliche Intelligenz verändert bereits jetzt fundamental, wie Inhalte entstehen und konsumiert werden. Wenn Produktionskosten sinken und die Zahl der Filme explodiert, brauchen wir dann wirklich noch mehr Filme – oder Orte, die in dieser Flut Orientierung bieten? Zugleich nimmt mit dem zu erwartenden Merger von Paramount und Warner Bros. die Konzentration weiter zu, YouTube und soziale Medien binden Zeit und Budgets.
Das Grundlegende hat sich also nicht durch die Förderung geändert, sondern durch die Technologie. Wir stehen nicht mehr nur einfach am Beginn der größten Medienumwälzung seit dem Internet, wir sind mittendrin. Für das Kino ist es die größte Zäsur seit seiner Erfindung vor 130 Jahren. Nur unser Fördersystem tut so, als hätte sie noch nicht begonnen; es beantwortet die Fragen der letzten Legislatur. Was daraus folgt, ist für uns klar: Filmförderung muss ganzheitlich gedacht werden – als Paket, das die gesamte Kette im Blick hat, von der Produktion bis zum Kino. Denn Kinos sind kein beliebiger Verwertungskanal. Denn Kinos sind kein beliebiger Verwertungskanal. Sie sind kuratierte Orte in einer Welt algorithmischer Empfehlungen – und verbürgen menschliche Erfahrung in einer Welt synthetischer Bilder. Die letzten Räume, in denen Filme herausfordern dürfen, in denen niemand in den ersten Sekunden alles hineinpacken muss, damit bloß keiner weiterscrollt. Orte der Auseinandersetzung, nicht der Bestätigung. Damit diese Filmkultur die KI-Ära nicht nur übersteht, sondern in ihr an Bedeutung gewinnt, brauchen Kinos die Mittel, sich neu zu erfinden. Oder wie Macron es so klug ausdrückte: Es geht also heute nicht darum, in die Welt von früher zurückzukehren oder diese Umwälzungen auf Distanz zu halten, sondern zu bekräftigen, dass wir nicht dazu verdammt sind, sie einfach hinzunehmen. Es geht um das Gleichzeitige: international wettbewerbsfähig zu sein und zugleich die Vielfalt des deutschen und europäischen Ökosystems zu bewahren.