Interview mit Simon Mayer, Professor of Interaction- and Communication-based Systems der Universität St.Gallen
Digitalplattformen öffnen das Tor zu einer großen Inhalte-Vielfalt, einfacher Interaktion und Diskursmöglichkeit. All dies ist unter Vielfaltsgesichtspunkten positiv zu bewerten. Auf der anderen Seite herrscht eine erhebliche Konzentration: Die großen Digitalplattformen werden von nur wenigen Unternehmen kontrolliert. Aufgrund der Kontrolle über algorithmisch gesteuerte Auswahl- und Empfehlungssysteme, einer großen Datenmacht sowie starker Finanzkraft haben diese enorme Einflussmöglichkeiten auf die Meinungsbildung. Im Rahmen des KEK-Workshops 2026 wurden vor diesem Hintergrund eine Problemanalyse vorgenommen und mögliche Handlungsoptionen erörtert. Der Digital Services Act (DSA) der EU, der seit Februar 2024 gilt, sollten diesen Einfluss reduzieren. „Das Gesetz allein reicht nicht. Plattformen haben gezeigt, dass sie formal compliant sein können, während sie den Geist des Gesetzes unterlaufen, sagt Simon Mayer. Mayer, Professor of Interaction- and Communication-based Systems der Universität St.Gallen, leitet ein Forscherteam aus Informatikern der Schweizer Universität, der Universität Lausanne, der Universität Maastricht sowie des London Open Data Institute, um Kontroll- und Datenkonzentration auf Plattformen zu messen und zu mindern.
medienpolitik.net: Herr Mayer, unter welchen Bedingungen ist eine demokratische Aufsicht über marktbeherrschende Plattformen technisch und rechtlich machbar?
Mayer: Die Voraussetzungen sind grundsätzlich gegeben — machbar ist es. Der EU Digital Services Act schafft erstmals eine gesetzliche Grundlage, die Plattformen verpflichtet, Forschenden Datenzugang zu gewähren — und stellt klar, dass Nutzungsbedingungen diese gesetzlichen Rechte nicht aushebeln können. Das ist ein echter Durchbruch. Technisch haben wir die Werkzeuge: Wir können Empfehlungsalgorithmen mit simulierten Konten vermessen, Netzwerkverkehr analysieren, und das, was Plattformen offiziell herausgeben, mit dem vergleichen, was Nutzer tatsächlich sehen. Die Methoden existieren. Die entscheidende Bedingung ist, dass Recht und Informatik zusammenarbeiten — und dass Enforcement (Durchsetzung) folgt. Das Gesetz allein reicht nicht. Plattformen haben gezeigt, dass sie formal compliant sein können, während sie den Geist des Gesetzes unterlaufen. Insofern ist meine Antwort: Ja, machbar - aber unter Bedingungen, die heute erst teilweise erfüllt sind. Das Entscheidende ist, dass all das dokumentierbar und damit justiziabel ist. Wir wissen, woran es liegt — und das ist der erste Schritt, es zu beheben.
medienpolitik.net: Sie fordern, dass die Plattformen gesetzlich gezwungen werden, mehr Daten über ihre Tätigkeit „herauszugeben". Warum?
Mayer: Demokratische Aufsicht über Plattformen ist nur möglich, wenn wir sehen können, was auf ihnen tatsächlich passiert. Und das ist heute nicht der Fall. Empfehlungsalgorithmen sind strukturell so angelegt, dass sie Inhalte bevorzugen, die starke emotionale Reaktionen erzeugen - denn das maximiert Engagement. Das bedeutet in der Praxis: polarisierende, extremistische, emotionalisierende Inhalte werden systematisch stärker verbreitet. Das muss nicht zwingend schädlich sein - aber es kann es sein, und die Zivilgesellschaft muss in der Lage sein, das zu beurteilen. Genau das ist heute nicht möglich. Wir haben mittels simulierter Konten die Research APIs von Meta und TikTok geprüft — und die Informationen, die wir darüber erhalten haben, mit dem verglichen, was diese Konten tatsächlich gesehen haben. Das Ergebnis: Rund die Hälfte der öffentlich sichtbaren Inhalte ist über die offiziellen Forschungskanäle nicht abrufbar, bis zu 83 Prozent der Metadaten werden herausgefiltert. Dieses Ergebnis stellen wir in zwei Wochen auf der ACM FAccT vor, einer der renommiertesten Konferenzen im Bereich algorithmischer Fairness und Transparenz. Dabei wissen die Plattformen intern längst, welchen Schaden sie anrichten können. Im März 2026 wurden Instagram und YouTube in Kalifornien verurteilt - entscheidend waren Zehntausende Seiten interner Dokumente, die die Plattformen jahrelang zurückgehalten hatten. Ohne gesetzliche Verpflichtung zur Datenweitergabe bleibt die Gesellschaft blind gegenüber Systemen, die ihren öffentlichen Diskurs formen.
medienpolitik.net: Aber der DSA will doch die Plattformen zu mehr Transparenz zwingen. Warum funktioniert das nicht?
Mayer: Der DSA ist das ambitionierteste Regulierungswerk, das wir bisher haben - und er ist ein wichtiger Schritt. Aber das Gesetz zu haben ist eine notwendige, keine hinreichende Bedingung. Das Problem liegt in der Umsetzung. Plattformen kontrollieren die Definitionen, die über den Erfolg der Regulierung entscheiden: Was gilt als systemisches Risiko? Wer darf als Forscherin oder Forscher Daten beantragen? Was ist ein angemessenes Datenzugangsverfahren? Das Gesetz beantwortet diese Fragen nicht präzise genug - und Plattformen füllen diese Lücken zu ihren Gunsten. Antragsformulare unterscheiden sich stark zwischen Plattformen, manche verlangen sogar das Geburtsdatum der Forschenden. Ablehnungsgründe wie „Forscherin nicht in der EU" oder „Institution ist keine Universität" finden sich im DSA selbst gar nicht. Konkret: X bearbeitete Forschungsanträge mit einer Annahmequote von unter 5 Prozent, drei Teilzeitmitarbeitern und Antwortzeiten von bis zu 280 Tagen. Einige zivilgesellschaftliche Organisationen haben die offiziellen Kanäle deshalb bereits ganz aufgegeben. Das eigentliche Problem ist also nicht das Gesetz - sondern dass Plattformen ihre eigene Rechenschaftspflicht verwalten. Solange das so bleibt, wird auch der DSA sein Potenzial nicht voll entfalten.
medienpolitik.net: Sie sagen, dass die Plattformen ihre Rechenschaftspflicht „unter Kontrolle haben" und damit entscheiden können, welche Daten öffentlich werden. Was heißt das konkret?
Mayer: Konkret bedeutet das: Plattformen schreiben ihre eigenen Rechenschaftsberichte — und entscheiden selbst, was darin steht. Die Risikoberichte, die sie unter dem DSA einreichen müssen, formulieren Risiken konsequent aus Nutzerperspektive: wie viele Inhalte wurden gelöscht, wie viele Beschwerden bearbeitet. Was sie nicht messen: die eigene Rolle der Plattform bei der Entstehung dieser Risiken. Ob der Algorithmus selbst Desinformation oder Radikalisierung befeuert, bleibt unsichtbar.
Dazu kommt die technische Dimension. Plattformen setzen aktiv Maßnahmen ein, die unabhängige Überprüfung erschweren - Anti-Scraping-Technologien, API-Zugangslimiten, regelmäßige API-Änderungen. Und selbst wo offizieller Datenzugang gewährt wird, zeigt sich das eigentliche Problem: Es fehlen systematisch genau die Daten, die für Rechenschaftspflicht am wichtigsten wären. Moderierte Inhalte - also jene Inhalte, die entfernt wurden, weil sie gegen Regeln verstießen - sind vollständig ausgeblendet. Das bedeutet: Forscher sehen nur, was die Plattform stehen lässt. Was sie entfernt hat, und warum, bleibt im Dunkeln. Genau dort aber läge der Schlüssel zur Überprüfung, ob Plattformen ihrer Verantwortung tatsächlich nachkommen.
„Demokratische Gesellschaften sollten die Bedingungen setzen, unter denen Systeme betrieben werden, die den öffentlichen Diskurs formen - nicht die Plattformen selbst.“
medienpolitik.net: Was weiß die Öffentlichkeit nicht über die Wirkung der Informationen, die über Plattformen verbreitet werden?
Mayer: Die Öffentlichkeit weiß vor allem nicht, was sie nicht sieht. Jeder Nutzer, jede Nutzerin bekommt eine algorithmisch kuratierte Version der Realität - aber kaum jemand ist sich bewusst, wie stark diese Filterung ist und nach welcher Logik sie funktioniert. Algorithmen optimieren auf Engagement, nicht auf Wahrheit oder gesellschaftliche Ausgewogenheit. Was polarisiert, empört oder ängstigt, wird systematisch weiter verbreitet - nicht weil jemand das so entschieden hat, sondern weil es das Nutzerverhalten am stärksten antreibt. Was die Öffentlichkeit konkret nicht weiß: In welchem Ausmaß diese Mechanismen politische Meinungsbildung beeinflussen, wie stark Filterblasen tatsächlich sind, und wie schnell sie entstehen. Unsere Messungen zeigen, dass eine technische Filterblase auf Instagram bereits nach rund eineinhalb Stunden Interaktion nachweisbar ist - danach besteht mehr als die Hälfte der empfohlenen Inhalte aus einem einzigen Thema. Das gilt für harmlose Interessen wie Aviatik genauso wie für politische Themen. Eine unabhängige norwegische Studie hat gezeigt, dass YouTube in 92 Prozent aller Tests Kindern Inhalte mit Gewalt, Horror oder sexuellen Anspielungen empfohlen hat - obwohl die Konten als Kinderkonten angelegt waren. Besonders beunruhigend: Die Plattformen selbst kennen diese Wirkungen. Das Kalifornische Gericht hat im März 2026 Instagram und YouTube verurteilt - auf Basis von Zehntausenden Seiten interner Dokumente, die die Plattformen über die psychischen Auswirkungen ihres Designs gesammelt und zurückgehalten hatten. Die Öffentlichkeit hat keinen Zugang zu diesem Wissen. Das ist das eigentliche Informationsdefizit.
medienpolitik.net: Warum ist eine gesetzliche Verpflichtung, solche Daten zur Analyse zur Verfügung zu stellen, für den Erfolg der Regulierung so wichtig?
Mayer: Regulierung funktioniert nur, wenn sie unabhängig überprüfbar ist. Das ist bei Plattformen heute nicht der Fall. Plattformen verfassen ihre eigenen Risikoberichte, definieren selbst was ein Risiko ist, und entscheiden, welche Daten Forschende und Behörden einsehen dürfen. Das ist so, als würde man ein Unternehmen sein eigenes Jahresabschluss-Audit durchführen lassen - ohne externe Wirtschaftsprüfer. Eine gesetzliche Datenzugangspflicht ist deshalb keine bürokratische Forderung, sondern eine Grundvoraussetzung für funktionierende Regulierung. Nur mit unabhängigem Zugang zu Plattformdaten können Forschende überprüfen, ob Plattformen ihrer Sorgfaltspflicht tatsächlich nachkommen - und ob die Maßnahmen, die sie ergreifen, wirksam sind. Bezeichnend ist dabei: Kommerzielle Datenanbieter wie Brandwatch oder Meltwater haben heute Zugang zu denselben Plattformdaten - für ihre Kunden, gegen Bezahlung. Der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft bleibt dieser Zugang verwehrt. Das ist kein Vorwurf an einzelne Entscheidungsträger. Plattformen sind Unternehmen, deren Erfolg an Engagement-Metriken gemessen wird. Wenn Transparenz dieses Geschäftsmodell gefährdet, ist es kein Wunder, dass sie sie vermeiden - solange sie nicht gesetzlich dazu verpflichtet sind. Genau deshalb braucht es den gesetzlichen Zwang. Datenzugang ist die unverzichtbare Grundlage - aber, um das vorwegzunehmen, noch nicht das Ende der Geschichte.
medienpolitik.net: Ist die Bereitstellung aller Wirkungs- und Nutzerdaten der Schlüssel, damit die Regulierung auch funktioniert?
Mayer: Wie ich gerade sagte - ohne Datenzugang geht gar nichts. Er ist der notwendige erste Schritt. Aber er allein genügt nicht. Selbst wenn wir morgen vollständigen Zugang zu allen Plattformdaten hätten, blieben wir in einem reaktiven Modus: Wir könnten dokumentieren, was schiefläuft, aber die Systeme selbst nicht verändern. Die eigentliche Herausforderung liegt eine Ebene tiefer: Wir brauchen nicht nur die Fähigkeit zu beobachten, sondern auch die Möglichkeit, Alternativen zu erproben. Was würde passieren, wenn ein Algorithmus nicht auf Engagement, sondern auf Meinungsvielfalt optimiert? Wie verändert sich das Nutzungsverhalten, wenn Infinite Scroll deaktiviert wird? Wir haben bereits erste Evidenz aus kleineren Studien: Algorithmen, die weniger stark auf emotionale und polarisierende Inhalte abstellen, sind bei Nutzern tatsächlich weniger beliebt. Das zeigt, wie tief diese Mechanismen bereits in das Nutzungsverhalten eingeschrieben sind. Das Problem: Solche Studien können heute nur im kleinen Maßstab durchgeführt werden - nicht auf den eigentlichen Plattformen. Und das aus gutem Grund aus Sicht der Plattformen: Solche Experimente würden ihre Engagement-Metriken direkt unterwandern. Auch hier braucht es also den regulatorischen Hebel - die Möglichkeit, evidenzbasierte Designalternativen nicht nur zu erforschen, sondern auch auf realen Plattformen zu erproben. Demokratische Gesellschaften sollten die Bedingungen setzen, unter denen Systeme betrieben werden, die den öffentlichen Diskurs formen - nicht die Plattformen selbst.
medienpolitik.net: Sind die Voraussetzungen gegeben, diese Menge an Daten auch entsprechend aufzubereiten und zu werten?
Mayer:Ja, die Wissenschaft ist in der Lage, diese Daten zu verarbeiten und auszuwerten. Aber dafür braucht es zwei Dinge. Erstens echte Interdisziplinarität. Plattformregulierung ist kein Problem, das Juristinnen und Medienpolitiker alleine lösen können - und auch keines, das Informatikerinnen alleine lösen können. Es braucht beide. Die Informatik liefert reproduzierbare Methoden, Messwerkzeuge und die technische Infrastruktur. Die Rechtswissenschaft stellt sicher, dass die gewonnene Evidenz in regulatorische Maßnahmen übersetzt werden kann. Und die Gesellschaft - Zivilgesellschaft, Journalismus, Bildung - muss einbezogen werden, damit die Ergebnisse auch wirken. Zweitens stärkere institutionelle Vernetzung. Heute arbeiten viele Forschungsgruppen parallel an ähnlichen Fragestellungen, mit ähnlichen Methoden, aber isoliert voneinander. Das ist ineffizient — und angesichts der Größe und Ressourcen der Plattformen auch strukturell im Nachteil. Forschungsinstitutionen sollten Daten gemeinsam erheben, gemeinsame Infrastruktur aufbauen und Ergebnisse koordiniert auswerten. Nur so entsteht die kritische Masse, die für wirksame Regulierung notwendig ist.