„Das wäre ein Kinosterben auf Raten“

22. Februar 2024
Dr. Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino
Dr. Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino
AG Kino kritisiert bei der Reform der Filmförderung Verschiebung der Prioritäten und Mittel vom Kino zu Streaming und TV

Interview mit Dr. Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino

Nach Auffassung von Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino, findet mit den von Staatsministerin Claudia Roth vorgelegten Plänen für eine Reform der Filmförderung, eine massive Verschiebung von Kino zu Streaming und TV statt. Die Produktion erhalte unbegrenzte Mittel und werde von Verpflichtungen entbunden, während die essenzielle Rolle der Kinos in der kulturellen Landschaft nicht nur vollkommen vernachlässigt werde, sondern Schutz und Förderung sogar abgebaut werden sollen. Ein ganzheitlicher Ansatz bedeute unabdingbar auch eine Berücksichtigung der Kinos bei der Allokation öffentlicher Mittel, um die deutsche Filmkultur in ihrer gesamten Vielfalt zu erhalten und zu fördern, so Christian Bräuer. Die noch offene Lücke in der kulturellen Filmförderung – der vierten Säule der angestrebten Reform der Bundesfilmförderung – müsse dringend geschlossen werden, um Klarheit zu schaffen. Sollte auch hier eine Schwächung der Kinos erfolgen, wäre das Reformvorhaben insgesamt gescheitert, sagt der Vorsitzende des Branchenverbandes.

medienpolitik.net: Herr Bräuer, was ist aus Sicht der AG Kino positiv an der Reform der Filmförderung, wie Claudia Roth sie vorgestellt hat?

Bräuer: Es ist der richtige Zeitpunkt für eine große Reform der Filmförderung. Zugleich wird mit den drei Gesetzesvorhaben ein mutiger Ansatz für Veränderungen verfolgt. Es sind wichtige Pflöcke eingeschlagen worden, um unser Land im internationalen Steueranreizwettbewerb auch für ausländische Produktionen wieder attraktiver zu machen. Allerdings besorgt uns auch, dass öffentliche Mittel zu Fernseh- und Streaminginhalten verschoben werden. Deshalb ist es wichtig, hier die Balance zu wahren, damit das Kino nicht auf der Strecke bleibt.

medienpolitik.net: Sie haben immer eine ganzheitliche Sicht für eine mögliche Reform vertreten. Sehen Sie diese „ganzheitliche Sicht“ gegenwärtig?

Bräuer: Die uneingeschränkt richtige ursprüngliche Zielsetzung, mit der Strukturreform den Filmstandort Deutschland international wettbewerbsfähig zu machen und die vielfältige Kinokultur zu stärken, ist mit den vorgelegten Eckpunkten noch nicht gegeben. Allein dann, wenn die Produktions- und Verwertungskette von der Idee bis zum Kinostart gedacht wird, wird die Reform zum Erfolg. Aber die hohe Komplexität des Steueranreizmodells zwischen dem Bund und den Ländern und der Kampf um die Investitionsverpflichtung zwischen Streamern und Produzenten zieht leider die Aufmerksamkeit zu einseitig auf die Fragen der Filmfinanzierung. Claudia Roth hat bisher drei Säulen der Reform angesprochen, doch es sind nach meiner Meinung vier: Neben dem FFG, einem möglichen Steueranreizmodell und der geplanten Investitionsverpflichtung existiert noch die kulturelle Filmförderung. Darin ist vor allem die Kinoförderung beheimatet. Die ist bislang eine Leerstelle. Das Kino bleibt aber ein unverzichtbarer Kulturort für die Gesellschaft und die Wirtschaft. Deshalb sind die Programmförderung und die Modernisierungsförderung der Kinos der Schlüssel zum Erfolg. Hier brauchen wir jetzt rasch gute Lösungen. Denn die Zeit drängt, weil der Bundeshaushalt für 2025 bald aufgestellt wird und hier die Mittel eingeplant werden müssen.

medienpolitik.net: Claudia Roth hat aber auch eine Reform der kulturellen Kinoförderung der BKM angekündigt.

Bräuer: Mit dem Steueranreizmodell und der Investitionsabgabe will man für die Produktion eine Finanzierung sichern, die unabhängig vom Bundeshaushalt funktioniert. Die kulturelle Förderung und damit wesentlich die Kinoförderung, wird davon aber weiter abhängen. Wenn das gesellschaftliche Potenzial der Filmkultur in unserer krisenbehafteten Zeit stärker zum Tragen kommen soll, wie es Claudia Roth zurecht fordert, dann ist das nur über das Kino zu erreichen. Dafür brauchen wir eine starke Programmsäule, um die Publikumsentwicklung und lokale Programm- und Marketingarbeit zu incentivieren. Gleichzeitig müssen die Kinos aber auch investieren können, um attraktiver zu werden. Deshalb muss das Zukunftsprogramm Kino weitergeführt werden, wenn die Steueranreize für Kinoinvestitionen nicht greifen. Es ist ein unglaublich erfolgreiches Programm, das den Programm- und Landkinos massiv geholfen hat. Der Investitionsbedarf gerade in ökologische Nachhaltigkeit und technologische, digitale Modernisierung ist nach wie vor enorm. Wir erleben, dass das Publikum, auch das junge Publikum, dorthin zurückkehrt, wo modernisiert wird. Das Zukunftsprogramm Kino, das für 2024 10 Millionen Euro vorsah, war innerhalb von 20 Minuten ausgeschöpft, das zeigt wie wichtig es ist. Das Zukunftsprogramm Kino nicht fortzusetzen wäre daher ein Halt auf freier Strecke. Man würde den positiven Trend dieser für den Markt und die Gesellschaft so wichtigen Kinos abwürgen, während zugleich die Produktionsförderung entfesselt würde. Das wäre ein Kinosterben auf Raten.

„Die Förderung muss besser ausbalanciert werden, als es jetzt geplant ist, sonst werden die Kinos mittelfristig unter die Räder kommen.“

medienpolitik.net: Aber die Kulturstaatsministerin hatte erklärt, dass die Förderung nach dem Filmförderungsgesetz für Kinos auch insgesamt attraktiver werden soll, da die mögliche Förderung als Zuschuss von 30 auf 50 Prozent erhöhen werden soll.

Bräuer: Das ist ein guter Schritt, aber er löst unser Problem nicht, weil die Förderung nicht ausreicht, um die notwendigen Investitionen zu tätigen. In diesem Jahr sind im Zukunftsprogramm 10 Millionen Euro für Land- und Arthouse-Kinos vorgesehen. Nächstes Jahr wären es nach den jetzigen Entwürfen 11 Millionen für alle Kinos inklusive der Multiplexe. Das kann nicht aufgehen. Gleichzeitig soll die für die Arthousekinos so wichtige Referenzförderung gestrichen werden. Wenn das so bleibt, brauchen wir hier eine Kompensation durch höhere Fördersätze in der Kinoprojektförderung.

medienpolitik.net: Sie haben wiederholt gefordert, die Zahl deutscher Kinoproduktionen zu reduzieren und dafür weniger Filme mit höherem Budget zu produzieren. Das soll unter anderem auch mit der Reform erreicht werden. Reicht das aus?

Bräuer: Bisher waren staatliche Mittel fast ausschließlich für Kinofilme reserviert. Das wird sich mit dem Steueranreizmodell ändern, mit dem auch Filme und Serien für Streamer und das Fernsehen gefördert werden. Das allein wird das Problem aber nicht lösen. Wir brauchen daher auch im Zusammenspiel mit den anderen Förderungen bessere Finanzierungsbedingungen sowohl für kulturelle als auch für wirtschaftliche Qualität. In allen Teilmärkten müssen mehr Zuschauer erreicht werden. 2019 und 2023 gehören zu den besten Festivaljahrgängen seit Jahrzehnten. Aber die Filme kommen selten aus Deutschland - auch nicht „Anatomie eines Falls“, „Perfect Days“ oder „Zone of Interest“, Filme, für die wir uns gerade feiern lassen. Wir müssen dringend Wege finden, solche Erfolge auch für den deutschen Film zu erreichen und zu verstetigen. Das Potenzial ist da. Es kann aber nur ausgeschöpft werden, wenn eine automatische Förderung nicht die kulturelle Qualität ausschaltet.

„Das Zukunftsprogramm Kino nicht fortzusetzen wäre ein Halt auf freier Strecke.“

medienpolitik.net: Zu den Zielen der Filmwirtschaft gehörte es bisher, den Anteil deutscher Filme zu vergrößern. Ist dieses Ziel mit der jetzigen Reform zu erreichen?

Bräuer: Wie gesagt, ein höherer Anteil des deutschen Films an der Kinoauswertung setzt eine höhere Qualität und gestärkte Kinos voraus. Beides kann nur verbessert werden, wenn bei der Reform der Filmförderung die Leerstellen zügig in den Fokus gerückt werden. Dazu gehören der kulturelle Film, der Verleih, das Kino und die Stoffentwicklung. Die Veränderungen dürfen nicht auf die Produktionsförderung reduziert werden. Mit dem Steueranreizmodell können wir im internationalen Wettbewerb um den attraktivsten Produktionsstandort zwar besser mithalten als bisher, aber das allein wird die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Films nicht verbessern.

medienpolitik.net: Claudia Roth hat in ihrer Rede bei der Produktionsallianz betont, dass an den Auswertungsfenstern festgehalten werden soll. Das müsste Sie doch beruhigen?

Bräuer: Solche Festlegungen sind wichtig und richtig und darüber sind wir froh. Die Kinos haben sich mit der Branchenvereinbarung, auf die sich Claudia Roth in ihrem Entwurf bezieht, weit bewegt. Allerdings gibt es im Entwurf weitere Einfallstore, um die Position der Kinos zu schwächen. Hier müssen wir aufpassen, dass sich das klare Bekenntnis zum Kino am Ende auch in der Gesetzgebung wiederfindet. Auch hier können wir nach Frankreich schauen, das neben den USA der einzige erfolgreiche westliche Filmmarkt ist, weil es seinen Markt, seine Produktion und auch sein Kino schützt. Deshalb müssen die Sperrfristen auch bei der Investitionsverpflichtung dort gelten, wo es um das Kino geht. Das ist noch eine große Baustelle, aber wenn man das Kino unterstützen will, muss man Sperrfristen setzen.

medienpolitik.net: Bei dem Drei-Säulen-Modell ist mein Eindruck, dass der Schutz des Kulturraumes Kino weniger Bedeutung hat als die Produktion von Inhalten generell. Besteht nicht doch Grund zur Sorge, dass das Kino langfristig dem Streaming Tribut zollen muss?

Bräuer: Wir brauchen starke Produktionsunternehmen in Deutschland, davon profitiert auch das Kino. Aber die Verschiebung der Präferenzen bereitet uns Sorgen. Man kann nicht die Interessen der Produzenten in den Vordergrund stellen und das Kino weniger berücksichtigen. Es gibt zwar weiterhin eine „Kinoquote“, diese ist aber nicht näher definiert. Die Förderung muss besser ausbalanciert werden, als es jetzt geplant ist, sonst werden die Kinos mittelfristig unter die Räder kommen. In manchen Beiträgen klingt es fast so, als sei das Kino ein Auslaufmodell. Wir erleben in diesen Tagen aber genau das Gegenteil: Das Kino ist als kultureller und gesellschaftspolitischer Ort wieder gefragt, die Wertschätzung für die Kinokultur ist gestiegen. Deshalb muss es auch entsprechend gefördert werden.

 

 

 

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